JeongMoon Choi / Astrid Svangren, Gallery Forum, Wiesbaden, 28. 03 - 24. 04.2003
An den Arbeiten der südkoreanischen Künstlerin JeongMoon Choi erstaunt zunächst die kontemplative Kraft und dynamische Stille, die von ihnen ausgeht.
Die Rauminstallation "Ein Fass ohne Boden" besteht aus 15 Gefäßen, die, ohne Boden und gewickelt aus Wolle, doppelt keine sind. So oder so würde das Wasser aus ihnen heraus fließen. Sisyphos hätte seine helle Freude an ihnen. Die Fäden der gewobenen Gefäße entspringen der Decke und münden in einem Gewirr am Fußboden. Die formale Strenge der Linien wird so gepaart mit einer beweglichen Offenheit. Die vertikale Verbindung schafft einen Eindruck von strebender Bewegung, um den sich Säulen zeitlebens bemüht haben. In diesem Fall müssen die Säulen wegen ihres fragilen Materials erst gar keine Leichtigkeit vortäuschen und sind dennoch nicht frei von den Gesetzen der Schwerkraft. Denn die Gefäße befinden sich auf unterschiedlichen Höhen, so als handele es sich um Momente der Erdannäherung aus mehreren Zeitebenen. Bewegung ist immer auch mit dem Verstreichen von Zeit verbunden.
Während die Leinwandarbeiten "Vertikale - ein Stuhl" und "Horizont - ein Tisch" den Faden noch linienbetont wie Farbe in der Fläche auftragen, führt "Ein Fass ohne Boden" in den Raum hinein. Wie gestrickte Kleidung umhüllen JeongMoon Chois Wollgebilde schützend Raum und bleiben dennoch offen. Dabei lösen sich die zwei Parameter "Innen und Außen", denen bereits eine ältere Arbeit aus kokonartigen Papierformen ihren Titel verdankt, auf. Die Künstlerin betont immer wieder, es sei ihr wichtig, einen aktiv erfahrbaren Raum zu schaffen, der dem Betrachter multi-perspektivisch offen steht und zum Wechsel des Standpunktes ermutigt.
Die bewusste Beschränkung auf die Primärfarben entspringt einerseits der westlichen Abstraktion und nimmt andererseits Bezug auf die glänzenden, warmen Farbstreifen, die sich auf den Rockmantelärmeln des Hanbok, dem koreanischen Traditionsgewand, finden. Sie sind Symbol der Jahreszeiten, der Himmelsrichtungen und der universalen Elemente: die Königsfarbe GELB steht für die Erde in der Mitte, SCHWARZ für Nord, Winter und Wasser, BLAU für Ost, Frühling und Baum, ROT für Süden, Sommer und Feuer, WEISS für West, Herbst und Gold.
Der Titel der Arbeit lässt sich insofern als Selbstreferenz deuten, als er ihre minuziöse Ausführung und die dafür erforderliche handwerkliche Geduld passend beschreibt. Das Weben von Wolle, das sonst in der zeitgenössischen Kunst meist abstrakt-gestisch, als feministischer Kommentar zur stereotypen weiblichen Handarbeit oder surrealistisch anmutend umgesetzt wird, bleibt bei JeongMoon Choi streng abstrakt in den Qualitäten des Materials begründet: warm, sanft, reich an taktilen Eigenschaften, und, obwohl gegenständlich der Form des Gefäßes verhaftet, eine eigene formale Struktur besitzend. Im Zentrum ihrer Arbeiten stehen Material und Form sowie deren Herauslösung aus dem gewohnten Zusammenhang. Für "Ein Fass ohne Boden" dienten koreanische Onggi-Gefäße als Grundform, schwere, dunkle Keramik, die traditionell dazu dient, Essen einzulegen und aufzubewahren, mittlerweile aber von Tupper und Edelstahl ersetzt wird. Kunst soll hier alltäglich sein. Nach dem Prinzip "ich sehe was, was du nicht siehst" entnimmt die Künstlerin dem Alltag Form-Fundstücke, "immer wiederkehrende Seinsstrukturen", wie sie es nennt, die sich ihr im Wissen um den jeweils anderen Kulturkreis in das Blickfeld rücken.
Das ist diesmal vielleicht auch das Wasser im Gefäß, weil man in koreanischer Sprache der Vollständigkeit halber sagt: "Wasser in ein Fass ohne Boden gießen". Die Arbeit "Ein Fass ohne Boden" nahm ihren Ursprung im etymologischen Interesse der Künstlerin an koreanischen und deutschen Redewendungen, die erstaunlich häufig gleichlautend sind. Über den Hinweis auf diese gemeinsame, sprachlich begründete Identität versucht JeongMoon Choi, ein Gefühl der dauerhaften Fremdheit in beiden Kulturkreisen zu überwinden. Herkunft ist nicht ihr hauptsächliches Anliegen und doch immer da, als verborgene Sehnsucht.
Sandra Bürgel, 2003
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